…waren vor neunzehn Jahren die Worte meiner damals sterbenden Freundin: “Sei für jeden Tag, den du leben darfst, dankbar, egal, was passiert”. Am 10. Dezember 1990 besuchte ich sie ein letztes Mal und wir beide ahnten, dass es das letzte Mal war. Am 18. Dezember war sie tot. Das schönste Geschenk ihrer Mutter waren deren tränenerstickte Worte zu mir, als ich am Grab kondolierte: “Sie hat Sie so sehr geliebt”. Ich wurde geliebt und die Mutter der Verstorbenen sagte mir das. Also haben mir zwei Personen, Mutter und Tochter, ein großes Geschenk gemacht.
Das Weihnachtsfest damals war schwer. Schwerer, als ich vermutete, denn nach einer gewissen Zeit des Leidens glaubt man, dass mit dem Tod die Erleichterung kommt. Die kommt aber nicht. Da kommt Erschöpfung. Nach ihrer Beerdigung legte ich mich mit bleischweren Beinen auf mein Bett im Elternhaus und starrte die Wand an. Eine Stunde war ich zu nichts in der Lage. Kein Fühlen, kein Weinen, nur Starre und Schwere, während die Bilder der Beerdigung und gebrochener Eltern mich schwerst belasteten. Das Leben holte mich wieder, natürlich, denn da war ihr Leben, ihr Schicksal, und auf der anderen Seite mein eigenes Leben. Ich zog eine dicke Trennlinie zwischen meiner verstorbenen Freundin, ihrer Krankheit, unserer Krise deswegen, unserer Versöhnung, also all den Jahren zwischen Operation ihres Tumors bis hin zu ihrem Tod, und meinem eigenen Leben. Ich lebte mein eigenes Leben, in Anbetracht ihrer Worte wirklich dankbar für jeden Tag, den ich leben darf, das bis heute, und hinter der Trennlinie durfte sie jeden Tag ein wenig in meine Gedanken kommen.
Ich glaube, es gab seit ihrem Tod keinen Tag, an dem ich nicht an sie dachte. Das sind manchmal Sekunden, manchmal Minuten, am Anfang manchmal voller Trauer, dann häufiger mit schönen Erinnerungen, manchmal voller Wut und Trotz, manchmal voller Akzeptanz ihres Todes, manchmal aber auch mit der Frage nach dem “Warum”.
So lange ich lebe, lebt sie weiter. Keines ihrer Worte, das sie in unseren Gesprächen seit ihrer Erkrankung zu mir gesagt hatte, Worte über die Frage nach dem Sinn des Lebens und ihrer Krankheit, Worte der Verzweiflung, der Hoffnung, der Trauer, der Wut, Worte der Frage “was passiert mit mir, wenn ich tot bin?”, Worte der Liebe und der Freundschaft, habe ich je vergessen.
Weihnachten ist für mich seitdem nie wieder so richtig schön geworden. Aber das gehört dazu. Das sind die Spuren, die das Leben in uns hinterlässt und würde es sie nicht geben, wären wir ewig jung, faltenlos und naiv.
Verfasst von almenbaer