Weil mein Vater seit frühester Jugend auf dem Pferderücken saß, vererbte er seiner Familie diese Leidenschaft. Als Kind, so erzählte er uns, entdeckte er in der Nachbarschaft einen Reitstall. Seine Freunde und er standen bei der Ausbildung der Pferde am Zaun und guckten zu.
Manchmal, wenn er gute Laune hatte, sattelte der Reitlehrer ein großes Pferd, stellte es in die Mitte des Sandplatzes und forderte die kleinen Zuschauer auf: „Wer raufkommt, darf reiten“. Mein Vater, damals acht Jahre alt und der Kleinste der Truppe, rannte meist umgehend zum Pferd, hangelte sich wie ein Äffchen an Sattel und Steigbügel hoch und durfte reiten. Weil es dem Reitlehrer jedoch eine wahre Freude war, Kinder purzeln zu sehen, nutzte er für diese Scherze nicht die frommsten Pferde, sondern bockige, unlustige. So lernte mein Vater von frühester Jugend an das Fallen, um nicht zu sagen „Im-hohen-Bogen-Fliegen“, so dass er, in dieser Hinsicht irgendwann gut trainiert, später mit einem Salto auf beiden Beinen neben dem Pferd wieder landete, Zügel noch in der Hand. Während seiner Studien- und Doktorandenzeit pflegte er Pferde, ritt sie zu und dressierte sie bis zur S-Klasse. Wir Kinder saßen schon als Baby auf dem hohen Rücken dieser Tiere und schaukelten vor uns hin. Irgendwann erhielt er ein Pferd geschenkt, das für Zuchtzwecke ungeeignet war. Als prächtiger Hannoveraner jedoch besaß er die Anlage zu einem guten Dressurpferd, so dass mein Vater ihn ausbilden konnte. Ebenfalls bis zur S-Klasse. Turniere mied er, er wünschte keinen Wettkampf, sondern lediglich Freude am Pferd.
Meine Mutter, Reitschülerin meines Vaters, erwarb einen süßen Trakehner. Auf diesem lernten wir Kinder. Erst an der Longe mit Freihand- und Balanceübungen, später mit Sattel. Mein Bruder, geborenes Muskelpaket, war der bessere von uns beiden, jedoch das war ich gewohnt. In sportlicher Hinsicht war er kaum zu überbieten, auf keinen Fall von meiner Seite aus, dem kleinen dünnen „Spaghetti“. Trotzdem freute ich mich über diese Reitstunden. Nach vier Jahren, als ich im Alter von Zwölf immer häufiger den Wunsch nach Ausritten äußerte, meine Mutter jedoch das Pferd als zu groß und nervös für Kinder-Ausritte bewertete, suchte sie eine kleine Familie, die Reiterferien für Kinder und Jugendliche bot. Sie wurde fündig: Eine liebenswerte Schwarzwaldfamilie bot „Urlaub auf dem Islandhof“. Bis heute bin ich meinen Eltern für diese Chancen und Glücksmomente, die sie mir boten, dankbar. Der Urlaub mit Islandpferden wurde fester Bestandteil meines Lebens, alljährlich bis zum siebzehnten Lebensjahr sparte ich für diesen mein beinahe gesamtes Taschengeld, um einen kleinen Beitrag zu leisten. Ich hatte mir diese Methode der „finanziellen Mithilfe“ von den anderen Ferienkindern abgeschaut und so verabredeten wir uns in Terminvergabe und gemeinsamer Urlaubszeit. Es entstand ein fester Stamm, der „harte Kern“, wie die Ferienmutter ihn nannte und den sie bis heute nicht vergessen hat.
Jedes Ferienkind bekam ein Pferd zugewiesen, das es eigenständig pflegte, umhegte, putzte, sattelte und ritt. Als Zwölfjährige und Neuling wurde mir Lola, das frommste aller Islandpferde, zugeteilt. Hier beim Morgenritt im Jahre 1977:

Vorne Rebecca, eine jugendliche Helferin des Hofes, in der Mitte Anja, Tochter des Unternehmens, hinten ich. Na, da hatte ich doch meine Ausritte, die ich mir so sehnlich wünschte. Danke, Mutti.
Rebecca, hier zu sehen auf Bleykur, einem achtjährigen Wallach, war eine erfahrene Reiterin. Bleykur, gerade eben zugeritten (Isländer werden im Gegensatz zu Großpferden erst ab dem fünften Lebensjahr dressiert), neigte zu jugendlichen Ausbrüchen, die er übrigens nie ablegte. Sein Lieblingssport: Mit Seitwärtsgalopp in die Maisfelder rauschen, insbesondere vor den Augen des wütend schimpfenden Besitzers und Bauern dieser Felder. Oder Weizenfelder, auch nicht schlecht. Er fand das super. Der Reiter weniger und der Bauer am Wenigsten. Ganz ehrlich: Auch Rebecca hatte kaum Angst während dieser Ausbrüche herunterzufallen. Sie hatte Angst vor der Wut der Bauern. Man stelle sich folgendes Bild vor: Ein Pferd trampelt mitsamt Reiter in ein mühevoll angebautes und erfolgreich gewachsenes Erntefeld, der Bauer erhebt die Harke oder einen anderweitig bedrohlichen Gegenstand, verfolgt sowohl Pferd als auch Reiter, während der Reiter beschwichtigende Worte nach hinten über den Rücken ruft, in ungefähr wie „Bin gleich wieder draußen!“, oder „Jaja, Entschuldigung, kommt nie wieder vor!“. Wir anderen warteten währenddessen geduldig am Rande des Feldes und durften lachen.
Zu früh gelacht. Im Jahre 1978 hielt der „Boss“ (so nannten wir unseren Ferienvater liebevoll) meine Reitkünste für fortgeschritten genug, um mir Bleykur zuzuweisen. Ich fragte, ob ich nicht bitte bei Lola bleiben dürfe. Nein, es gab keine andere Möglichkeit. Zu der Zeit mitbeteiligte Ferienmädchen hätten auf Bleykur keine Chance gehabt, so zog also ich das große Los und durfte oben beschriebene peinliche Momente mit urtümlichen Schwarzwaldbauern und ihren Feldern erleben. Nun durften die anderen lachen und ich war der Mittelpunkt des jeweiligen Krimis.
Aber Bleykur wuchs mir natürlich ans Herz, war er doch ein Pferd mit hervorragenden Gängen und weit mehr Kräften, als Lola sie je aufbringen konnte. Ich behielt ihn als „Stammferienpferd“ bis zu meinem siebzehnten Lebensjahr:

Wie ich später von meiner ehemaligen Ferienfamilie erfuhr, wurde er beinahe dreißig Jahre alt und lebte schlussendlich auf seiner wohlverdienten Rentnerweide, wie alle Pferde des Islandhofes.
In meinem dreißigsten Lebensjahr bot sich eine neue Gelegenheit. Eine Bekannte suchte eine Pflegerin und Reiterin ihres damals neu erworbenen Shagya-Arabers. Chivaz wurde in Portugal gezüchtet und auf Westernstil dressiert. Ich konnte mit ihm Gatter öffnen und weitere erste Schritte des Westernreitens lernen. Er reagierte auf die kleinsten Hilfen. Als hervorragend gerittenes Pferd war er mein Lehrer, ich seine Schülerin.

Leider war dieses Glück nicht von Dauer, zumal seine Besitzerin ihn aus finanziellen Gründen wieder abgeben musste. Ihr Angebot, ihn mir zu verkaufen, musste auch ich aus finanziellen Gründen ausschlagen. Ein Pferd zu halten ist kostenaufwändig. Wer sich hier übernimmt, gelangt schnell an den Rand seiner Möglichkeiten, um nicht zu sagen, des Ruins.
Der Islandpferdehof ist bis heute ein erfolgreiches Unternehmen, das in ständigem Wachstum mit neuen Projekten Urlaub für Jugendliche, Erwachsene und behinderte Mitmenschen bietet, Mietställe verwaltet und ganze Schulklassen beherbergt.
Verfasst von almenbaer