Als es heute an der Türe klingelte, ahnte ich bereits, dass „sie“ es wieder sind. Ich hatte es ein bisschen eilig und legte mir entsprechende Sätze zurecht, um sie freundlich zurückzuweisen ohne all zu verletzend zu sein. Immerhin missionieren sie, tun ihre Arbeit aus innerer Überzeugung, jedoch belästigend empfinde ich sie nicht. Vor ungefähr zwanzig Jahren ließ ich mich auf eine Diskussion mit ihnen ein. Ich schätze im Nachhinein, dass sie gut zwei Stunden andauerte. Es war damals interessant Meinungen auszutauschen, aber auch anstrengend, so dass ich mir vorgenommen hatte, mich nicht noch einmal auf ein längeres Gespräch mit ihnen einzulassen.
Ich weiß nicht, welcher Teufel mich heute geritten hatte. Üblicherweise wähle ich Ausreden wie „Ich muss weg“, oder aber „Ich wollte gerade eben meine Wohnung aufräumen“, bis hin zu „Sie möchten mit mir über Gott reden? Gott hat mir soeben empfohlen, das Geschirr zu spülen“. Die Sache mit Gott und dem Spülen fiel mir ein, weil ich die Türe tatsächlich mit umwickelter Küchenschürze und Spülbürste in der Hand geöffnet hatte. Humorvoll und ein bisschen frech hatte ich sie damals von einer längeren Diskussion mit mir abgehalten, tatsächlich lachten sie „Ja, wenn Gott Ihnen das empfohlen hat, sind wir machtlos“ und zogen sich diskret zurück. (Ihre diskreten Rückzüge, wenn man sich deutlich äußert, liebe ich so an ihnen. Das ist echte Mission ohne Belästigung).
Heute aber fiel mir spontan etwas Neues ein. Ich öffnete die Türe und da standen sie. Bibelchen in der Hand, etwas älter schon, absolut harmlose Menschen. Ich bekam die glorreiche Idee, dass ich sie erst gar nicht zu Wort kommen lasse und brüllte ihnen förmlich ins Gesicht: „Ahaaaaaa! Ja wissen Sie, ich war sogar im Schülerbibelkreis und aus der Kirche bin ich bis heute nicht ausgetreten, wie finden Sie das? Ist doch Klasse, oder?! Wo doch heute jeder aus der Kirche austritt!“. Sie nickten hilflos und lächelten etwas unsicher, denn genau mit dieser Kirche sind sie ja eben nicht einverstanden („Auuutsch“, dachte ich, „jetzt bin ich in ein Fettnäpfchen getreten“).
„Tja dann“, fuhr nun ich etwas hilflos fort und wedelte mit meiner Schere in der Hand, „wissen Sie, ich habe einen Termin und muss noch Haare schneiden. Tschüss!“. Türe zu. Uff. Mal wieder geschafft.