„Spinnt der??!!“

30. August 2008

Ich habe Muskelkater in den Armen. Vom Winken. Ich winkte auf dem weiten See Richtung Ufer zur DLRG. Es schien endlos zu dauern, bis sie es registrierten. Irgendwann winkte ich so heftig, immer und immer wieder, dass sie es sehen mussten.

Wie üblich schwamm ich meine Runde, bemerkte dann einen jungen Mann, der sich merkwürdig verhielt. Schwamm an mir vorbei zur nächsten Bade-Insel und drehte urplötzlich um. Er starrte mich an, schwamm nicht mehr weiter, schwamm auf der Stelle. Was hat er? Was will er von mir? Weswegen starrt er so? Dann sein erster Ruf: „HILFE!“. Ich hielt an. Er befand sich ungefähr zehn Meter von mir entfernt. Noch einmal: „HILFE!“. Ich zurück: „Was ist los??!!!“. Er schwamm langsam auf mich zu „Helfen Sie mir“.

Ich dachte, es ist ein Witz. Oder komische Anmache? „Machen Sie Witze??!!!“, brüllte ich ärgerlich. Zudem bekam ich Angst. Da schwimmt ein mir vollkommen fremder Mensch auf mich zu. Starrt mich mit riesigen Augen an. Mein erster Gedanke: „Wenn dieser Brocken sich an mir festhält, zieht er mich mit hinunter“.

Er: „Bitte, darf ich mich an Ihnen festhalten, ich habe mich übernommen“. Spinnt der???!!!! Ich brüllte ihn an „Sind Sie verrückt, ich kann Sie nicht über Wasser halten, Sie ziehen mich herunter“. Er gab nicht auf, kam bei mir an und hielt sich an meiner Schulter fest. Ich drehte mich suchend um, wo waren die Leute? Selten kam mir der See so verlassen, das Ufer so weit entfernt vor. Jugendliche spielten auf der nächstliegenden Bade-Insel und bemerkten: Absolut nichts.

Ich pflaumte den jungen Mann, einen kräftigen Burschen, an „Wenn Sie mich verarschen! Verarschen Sie mich???!!!“. Seine Antwort klang ehrlich erschöpft: „Nein, bitte, ich verarsche Sie nicht, ich muss nur ein bisschen ausruhen“. Meine letzte Warnung: „Ich rufe jetzt die DLRG, ist Ihnen das klar??!!“. Er: „Ja, rufen Sie, bitte“.

Jetzt war mir bewusst, dass er keine Witze macht. Spätestens an diesem Punkt hätte er aufgehört. Und tatsächlich, sein Kopf sank verdächtig weit Richtung Wasser, seine Nase schon beinahe bedeckt. Ich hatte irgendwann einmal gelernt, wie ein Rettungsgriff im Wasser funktioniert, aber das war wie weggeblasen. Ich wusste nur, dass ich ihn irgendwie über Wasser halten muss und währenddessen Richtung Ufer winken. Ich stützte ihn mit einer Hand unter der Achsel und winkte. Meine Hilferufe gingen im leichten Rauschen der Wellen vollkommen unter. So mussten meine Arme diesen Dienst übernehmen.

Das ging einige Sekunden, vielleicht Minuten. Mein Zeitgefühl ließ mich im Stich, der Mann war so schwer. Ein Schwimmer schwamm an uns vorbei und ich brüllte ihn an „Helfen Sie uns, der Mann hier hat Panik und ich kann ihn nicht länger halten!“. So schwammen wir zu dritt und warteten. Nachdem ich erneut heftig winkte, dass mir der Arm dabei beinahe ausriss, sah ich ein gelbes Rettungsbrett und ein Ruderboot der DLRG auf uns zuschwimmen. Gott sei Dank.

Ich wusste: Selbst wenn der junge Mann nur psychisch in Panik war, obwohl er körperlich hätte schwimmen können, das konnte gefährlich für ihn werden. Angst lähmt und wer im Wasser wie gelähmt ist, hat keine Chance.

Die DLRG zog ihn ins Boot, währenddessen wiederholte ich „Ich dachte, es war ein Witz, aber es war keiner, ich dachte, es war ein Witz,…“. Ich war außer Atem und durfte mich am Brett festhalten. Man bot mir an, mich mit diesem ans Ufer zu geleiten. Ich erholte mich jedoch sehr schnell und bedankte mich, gerne würde ich meine übliche Strecke zurück schwimmen.

Meine Freundin war leicht geschockt. Wir Rufenden im Wasser hatten uns nur wenige dreißig Meter vom Ufer entfernt befunden. Sie hatte keinen Hilferuf gehört, winken sah sie mich ebenso wenig. (Deswegen sitzt die DLRG erhöht und besitzt Ferngläser). „So schnell kann es gehen“, sagte sie. Und dann: „Immer in dieser Tiefwasser-Mulde hier vor diesem Ufer ertrinken die Leute“. Und sie werde in Zukunft öfter auf das Wasser sehen, wenn ihre Familie dort badet.