Dieses Jahr wollte ich mir zu Weihnachten einen lang ersehnten Wunsch erfüllen, den Perser in meiner Wohnung. Etwas größer als mein bisheriger Flickenteppich sollte er sein, farbenfroher und hochwertig.
Mit Zollstock bewaffnet begab ich mich zum Teppich-Händler meiner Wahl, einem Iraner der Stadt. Der Haken: Mein derzeitiges Budget ließ nur schlappe einhundert Euro zu. Mehr nicht.
Man begebe sich zu einem Teppich-Händler, wünsche sich einen Perser für wenige Euro und erlebe dann folgendes: Ich betrete den Laden und treffe auf eine freundliche Verkäuferin. Auf Anhieb war sie mir sympathisch. Auf Anhieb waren mir auch viele, viele Teppiche sehr sympathisch. Als ich sie anhob und begutachtete, lächelte die Händlerin nur milde und rief von Weitem „Die sind sehr, sehr teuer“. Sie wusste zu diesem Zeitpunkt, wie wenig ich bereit war zu investieren.
Ausgerechnet diejenigen Teppiche, die mir gefielen, bewegten sich im vierstelligen Bereich. Da lagen Angebote ab eintausend Euro, manchmal zweitausend, manchmal siebenhundert. Ohjeohje, wie konnte ich so dumm sein zu glauben, einen Teppich für einhundert Euro erwerben zu können…
Natürlich hätte ich mir so einen süßen kleinen Mini-Teppich kaufen können. So ungefähr fünfzig auf fünfzig Zentimeter. Das wollte ich aber nicht. Ich wollte einen größeren, der beim Staubsaugen nicht hilferufend eingesogen würde, es sei denn, ich rutschte mit Teppichbürsten-Aufsatz auf Knien herum.
Die Verkäuferin flitzte. Ihr Vater habe diesen und jenen Teppich aus dem Iran mitgebracht und „sind sie nicht schön?!“. Sie ließ Preise nach, wo sie nur konnte, tippte eifrig auf ihrem Taschen-Rechner herum, kalkulierte und überlegte.
Zum Ende der Verhandlungen saßen wir gemütlich wie alte Freundinnen auf ihren Teppichbergen, fehlte nur noch der Schwarztee, üblicherweise auf Bazaren dazu gereicht. Wir erzählten uns mehr oder weniger unsere Lebensgeschichten, währenddessen schweifte mein Blick immer mal wieder suchend durch ihren Laden. „Was ist mit diesem dort, was kostet der? Und der hier? Und der?“. Fünfhundert, vierhundert, dreihundert. „Für Sie aber einhundertfünfzig“. Schade.
Irgendwann mein Abschied. „So kommen wir nicht zusammen, tut mir sehr leid. Sehen Sie, Sie sind meine erste Anlaufstelle. Sind Sie in einem halben Jahr noch hier? Ich könnte sparen und dann komme ich wieder. Oder ich gucke mich erst noch in anderen Läden um…“. Weiter kam ich nicht, denn das war der Schlüsselsatz. Logisch.
„Halt! Da habe ich noch einen!“.
Weg war sie und wühlte in einem riesigen Teppich-Haufen. Einen nach dem anderen hob sie an. „Warten Sie, gleich habe ich ihn“. Aha, nun folgten die Ladenhüter.
Noch ein Teppich, noch einer und noch einer. Der Berg schrumpfte auf den Beinahe-Nullpunkt und da lag das wertvolle Stück. Dreihundertsiebzig Euro. Wunderschön, genau meine Vorstellung. Ich versuchte, mein Pokergesicht zu bewahren.
„Für Sie einhundertsiebzig und ich verdiene nichts dabei“.
„Einhundert“.
„Hundertvierzig“.
„Hundert“.
Ein schwerer Seufzer. „Sie wollen mich ruinieren“.
„Nein, wissen Sie, es muss ja kein Perser sein, ein schöner Flickenteppich täte es auch“.
„Einhundertdreißig und weniger geht wirklich nicht“.
Wirklich ging nochmals fünf Euro weniger. Stolz verließ ich den Laden, in der einen Hand meinen neuen Perser, in der anderen ein Schoko-Weihnachtsmann. Als Dreingabe sozusagen.