Rauchen aufhören

Nun habe ich mir also wieder einmal vorgenommen, mit dem Rauchen aufzuhören. Weswegen?

Weil ich nach einer Erkältung diesen bekannten Druck auf den Bronchien fühle, der mir beweist, dass meine Atemwege verschleimt, verteert, regelrecht zugekleistert und in Gefahr sind.

Weil mir das Atmen nach jeder Erkältung unangenehm schwer fällt. Ein Beweis, dass meine Bronchien sich nicht erholen können. Ein Beweis, dass meine Lunge zunehmend an Volumen verliert.

Weil ich den Sinn des Rauchens schon lange nicht mehr erkenne. Eigentlich finde ich Rauchen ekelhaft. Es ist eine dreckige Angelegenheit, die sowohl Körper und Hirn schädigt (jawohl, Hirn, denn es fehlt Sauerstoff), als auch die Umwelt verschmutzt (die Wände der Wohnung eines Nichtrauchers sind nach Jahren noch so gut wie blütenweiß, die Wände der Wohnung eines Rauchers eher beige-braun).

Rauchen raubt mir die Fitness. Als ich vor drei Jahren das Buch „Endlich Nichtraucher“ von Allen Carr las, wurde mir bewusst, dass er Anfang Vierzig dasselbe erlebte wie ich: Er wachte morgens schwerer auf, war oft müde und schlapp und dachte, das alles liegt am Älterwerden. Im Moment, als er aufhörte, besserte sich sein Zustand um unerwartet fühlbare Grade, es war die reinste Erkenntnis, wie dumm es war, je mit dem Rauchen angefangen zu haben. Ich konnte damals alles für mich bestätigen, als ich immerhin einige Monate rauchfrei lebte.

Allen Carr hatte mir überhaupt in vielen Dingen die Augen geöffnet. Am Überzeugendsten war sein Argument, dass ein Raucher immer einen Grund findet zu rauchen. Es ist die Entschuldigung vor sich selbst, um sich nicht eingestehen zu müssen, dass das Rauchen an sich eine Sucht ist, die ohne Grund immer ausgeführt wird, eben weil man süchtig ist, und nicht, weil ein äußerer Umstand „schuld“ an der Angelegenheit zu sein scheint. Beispiel: Habe ich zu viel Zeit, begründe ich den Griff zur Zigarette damit, dass ich zu viel Zeit habe, habe ich zu wenig Zeit, somit Hektik und Stress, rauche ich anscheinend nur deswegen, weil ich zu wenig Zeit habe. Wo liegt hier die Logik? Und welches „gute Mittelmaß“ an Zeit muss gegeben sein, damit man nicht mehr raucht? Besser noch: Habe ich das gute Mittelmaß an Zeit, greife ich zur Zigarette, „weil es gerade so schön ist und Rauchen einfach dazugehört, denn ich bin ja ein Genussmensch“. Wieder einen Grund gefunden. Die Gründe sind fadenscheinig. Die Wahrheit ist: Es gibt keinen Grund zu rauchen, außer den, dass man süchtig ist und Punkt.

Ich kann mich sehr gut daran erinnern, wie mein Körper es mir in vielen Punkten dankte, als ich drei Monate nicht rauchte: Magen und Darm waren nicht mehr gereizt, ich konnte frei durchatmen, ich konnte wieder Gerüche aufnehmen, ich war morgens nicht mehr wie gerädert, sondern frisch, als sei ich zwanzig Jahre jünger, ich hatte nicht mehr diesen dumpfen Druck in Stirn und Augen („vernebelt“ kann man es auch bezeichnen), meine Muskeln bauten im Training schneller auf, Muskelkater und Gelenkbeschwerden reduzierten sich auf beinahe Null, ein ständiges leichtes Kratzgefühl in Rachen und Hals war verschwunden, die Zunge nicht mehr belegt. Ich fühlte von Beginn des Nichtrauchens an, was für ein aggressiver Stoff diese Zigaretten wirklich sind und was man seinem Körper durch das Rauchen wirklich Schlimmes antut. Tatsächlich war ich erstaunt über die Fülle an positiven Folgen des Nichtrauchens und tatsächlich kam mir der Gedanke: „Wer sich ab einem bestimmten Alter über chronische Zipperlein beklagt, sollte zunächst einmal einfach aufhören zu rauchen, bevor er den Arzt aufsucht“.

Hinzu kommt, dass ich kein starker Raucher bin. Noch nie hatte ich es wirklich vertragen. Früh morgens zum Beispiel, wenn ich recht fit und munter aufwache, dann im Verlauf des Vormittags drei Zigaretten geraucht habe, ist meine Fitness um fühlbare Grade gesunken. Ich dachte, das sei normal, bis ich eines Besseren belehrt wurde, als andere Raucher mir erzählten, dass sie durch das Rauchen erst richtig fit werden. Ein Kollege erklärte mir sogar „Ja, dann verträgst du das Rauchen einfach nicht!“. In allen Tests, in denen man durch Ankreuzen bestimmter Fragen den eigenen Suchtfaktor bestimmt, erhalte ich als Ergebnis, ich sei nicht sonderlich süchtig, auf einer Skala von eins bis zehn liege ich auf Faktor vier. Ich sei „der Gewohnheitsraucher“, der unangenehme bis gefährliche Folgen und die Sinnlosigkeit des Rauchens längst erkannt hat, der das Rauchen längst nicht mehr vehement verteidigt und lediglich zur Zigarette greift, weil mittelmäßige Sucht vorhanden ist und man sich nicht großartig weiter Gedanken macht. „Gewohnheit“ eben, die noch relativ leicht entwöhnbar ist im Gegensatz zum Entzug schwer süchtiger Raucher. Also weswegen diese lästige und dazu schädliche Angewohnheit nicht ablegen? Wer innerlich längst kein überzeugter Raucher mehr ist, dazu nur mittelmäßig süchtig, hat doch die besten Chancen.

Dann die unangenehmen Seiten. Sagen wir einmal so: „Es stirbt sich nicht so einfach“. Wer ein Bronchial-, Kehlkopf oder Lungenkarzinom bekommt, hat die Wahl, weiter zu rauchen und elend zu ersticken, und / oder sich langwierigen Operationen und ihren Folgen zu unterziehen, um dann doch eventuell zu sterben, oder aber sich gleich vom Leben zu verabschieden und von der Brücke zu springen. Da ich trotz einiger Widrigkeiten doch sehr an meinem insbesondere gesunden Leben hänge und ihm sehr viel abgewinnen kann, habe ich weder Lust zu ersticken, noch, dauernd operiert zu werden, am Wenigsten, keine Luft mehr zu bekommen oder mich von der Brücke zu stürzen und am Allerwenigsten, frühzeitig zu sterben, denn das bedeutet unermessliches Leid, Trauer und Abschied von allen, die einem lieb sind und allem, was einem lieb ist. Dazu die Erkenntnis: „Wie konnte ich nur so dumm sein, mit dem Rauchen zu beginnen! Was habe ich mir da angetan?!“. Genau so ist es, wenn ein Arzt einem die Diagnose „Krebs als Folge des Rauchens“ stellt, und genau deswegen schaffen es in zwar nicht allen, aber den meisten, Fällen (na so ein Wunder) selbst extremste Raucher, von jetzt auf gleich aufzuhören. Nur dann ist es zu spät. Definitiv.

Bedenke ich, weswegen ich überhaupt anfing zu rauchen, erkenne ich, wie sinnlos es war: Natürlich meine zweite große Liebe im Jugendalter (er hat sich übrigens inzwischen längst das Rauchen abgewöhnt und das seit Jahren) und eine Partystimmung als Studentin. Meine zweite große Liebe im Jugendalter bewegte mich, bis dahin sehr gesund und sportlich lebend, kein Alkohol, kein Nikotin, es auch einmal zu probieren, obwohl er mir abriet „fang bloß nicht damit an“. Also paffte ich erst einmal. Keine Lungenzüge. Es blieb bei schätzungsweise drei Zigaretten pro Woche, manchmal sieben pro Woche. Lungenzüge waren mir gar nicht möglich, weil ich beim leisesten Versuch einen enormen Hustenanfall bekam und mich fragte, wie das überhaupt zu bewerkstelligen sei. So klärte mich eines Tages ein Studienfreund auf: „Du musst nur hart zu dir selbst sein und den ersten Hustenanfall akzeptieren, beim zweiten Lungenzug wirst du nicht mehr husten“. Genau so war es. Ich bekam noch in seiner Gegenwart den Hustenanfall des Jahrtausends, aber der Rauch war drin in der Lunge. Die armen Flimmerhärchen meiner Bronchien hatten sich geschlagen gegeben und waren kaputt. Und mit diesem Lungenzug kam die Sucht: Umgehend fühlte ich ein leichtes Schwindelgefühl im Kopf, das war die Wirkung des Nikotins, beschwingend und berauschend. Das sind die Suchtstoffe, ohne Zweifel. Glücksgefühle werden ausgelöst. Noch am selben Abend rauchte ich sieben Zigaretten, am nächsten Abend waren es zwölf und bei schätzungsweise zwölf Zigaretten täglich blieb es mein Leben danach. In Krisenzeiten auch mal mehr, aber weil hier mein Körper regelrecht krank wurde und ich die Folgen des Rauchens wirklich in allen Facetten zu fühlen bekam (Erkältung, Muskelschmerzen, Atembeschwerden, Halskratzen, Kopfschmerzen, Müdigkeit, und so weiter) blieb es nie lange dabei. Zudem mochte ich und mag ich bis heute keinen Rauchgeruch in der Wohnung. Bis heute wird nach jeder Zigarette gelüftet, mit aufgerissenem Fenster und Ventilator. Verrauchte Kneipen sind mir ein Gräuel, diese meide ich seit längst zwanzig Jahren und war froh, dass das Rauchen in öffentlichen Gaststätten irgendwann verboten wurde.

Insofern bin ich nicht der typische Raucher, wurde süchtig erst mit zwanzig Jahren, davor lebte ich von gesundem Essen und frischer Luft. Wie dumm ich war, mit dem Rauchen anzufangen! Diese Erkenntnis saß tief genau ab dem Moment als ich anfing, und immer wieder versuchte ich damit aufzuhören. Ich schaffte es nicht so wirklich, nicht, weil ich ein Opfer meiner eigenen Sucht bin (die zwei Tage körperlicher Entzug sind leicht zu bewältigen), sondern weil der feste, zutiefst überzeugte Wille fehlte. Ein Kollege von mir bezeichnete das einmal so: „Wenn man nicht mehr rauchen will, hört man einfach auf, und zwar von jetzt auf gleich. Wenn man es nicht schafft, dann wollte man nicht richtig“. Recht hat er. War ich mir selbst gegenüber ehrlich, war es nach längerer Zeit Entzug und rauchfreiem Leben eine bewusste Willensentscheidung, wieder damit anzufangen. Es waren Gedanken wie „man gönnt sich ja sonst nichts“ oder aber „die Erde verliert sowieso zunehmend an Sauerstoff und wir werden alle ersticken“ oder aber „ich möchte ja gar nicht so furchtbar alt werden“. Ich gestand mir selbst also einen „Selbstmord auf Raten“ ein, nur vergaß ich dabei, dass nicht ich bestimme, wann das Karzinom dann auftritt, sondern die veränderte Zelle selbst und das kann morgen sein. Im Moment, wo ich mir selbst erkläre, dass ich gar nicht so furchtbar alt werden möchte, denke ich: „Naja, so achtzig Jahre genügt“, nur: Das habe ich leider nicht unter Kontrolle und das blendet man bei diesen Gedanken nur zu gerne aus. Und eines weiß ich: Wenn mir ein Arzt dann zirka Mitte meiner Fünfzigerjahre erklärt „Sie haben nur noch wenige Monate zu leben“, bereue ich jede einzelne Zigarette mehr als zutiefst, ich würde an meiner eigenen Dummheit verzweifeln, denn tot ist tot und nie wieder rückgängig zu machen.

Dinge wie „die Lunge eines Rauchers entspricht erst nach zehn Jahren Abstinenz wieder derjenigen eines Nichtrauchers“ sprechen vielleicht die Wahrheit, aber sollte man sich aus dem Kopf schlagen, weil die Verlockung eines „dann lohnt es sich sowieso nicht mehr, mit dem Rauchen aufzuhören“ zu groß ist. Einfach verdrängen. Die positiven Folgen des Nichtrauchens sind von Beginn der Abstinenz an deutlich zu fühlen und nur diese sollte man sich bewusst machen, alles andere ist zu spät und es ist müßig wie etwas riskant, darüber nachzudenken und somit den Sinn der Abstinenz wieder aus den Augen zu verlieren.

Insofern habe ich Unsinn und Nachteile des Rauchens längst erkannt, ja sogar verinnerlicht und bin schon lange, lange keine überzeugte Raucherin mehr, es selten, wenn dann nur phasenweise, gewesen. Gerade Menschen wie ich, die körperlich nicht sooo auf der Höhe sind, etwas schmächtig und ein wenig unsportlich, trotz vielen Trainings, aber aufgrund eines gewissen Mangels an Genen, die mich klein, kompakt und muskulös erscheinen lassen würden, könnte ich es mir aussuchen, sollten nicht rauchen. Ich bin eher der dünne Typ, war in der Jugend lang und hochgeschossen, mütterlicherseits zu siebzig Prozent eher Astheniker, zu schätzungsweise dreißig Prozent Athlet, dies habe ich väterlicherseits geerbt. Nun gab es in meinem Leben zwei schockierende und prägende Ereignisse, die mir die Perversion des Gesundlebens regelrecht „auf’s Auge“ drückten, die mir den Sinn des Nichtrauchens nicht erklärten, ja irgendwie absprachen. Meine Freundin und Mitbewohnerin erkrankte mit einundzwanzig Jahren an Brustkrebs und starb mit sechsundzwanzig Jahren. Sie war Nichtraucherin. Jede Phase ihres Krankwerdens und Sterbens erlebte ich bis zum Schluss aus nächster Nähe mit, befand mich damals im selben Alter wie sie. Kurz vor ihrem Tod, genau anderthalb Jahre vorher, hörte mein damals bester Studienfreund und Vertrauter mit dem Rauchen auf. Ich ebenso. Als er drei Monate später bei einem Verkehrsunfall unverschuldet starb, fing ich wieder an. Logisch. „Wozu mit dem Rauchen aufhören, wenn das die Belohnung ist?!“ war mein erster Gedanke. Ich war traurig, verzweifelt und frustriert.

Nur leider, oder Gott sei Dank, wie man es nimmt, werde ich älter, fühle ich die negativen Folgen des Rauchens von Monat zu Monat mehr, auch meine Haut ist nicht sonderlich ansehnlich und altert schneller als ich es mir wünsche, und bekomme ich nun mit, wie Freunde, Bekannte und entfernte bekannte Persönlichkeiten (Schauspieler, etc., ich möchte keine Namen nennen), die Folgen des Rauchens schmerzlich bis tödlich erfahren. Da war der fünfundsechzigjährige Chatbekannte, der schon lange nicht mehr mitchattet, weil innerhalb nur eines Jahres an Kehlkopfkrebs verstorben, und da ist eine ebenso über sechzigjährige Chatbekannte, die kürzlich ein Lungenemphysem bekam und sich mit einer Sauerstoff-Flasche durch den Tag schleppt. Wie schlimm das ist! Und ein weiterer Chatbekannter, der, noch viel schlimmer, mit siebenundfünfzig Jahren einen schweren Schlaganfall bekam, mit allem, was dazu gehört: Halbseitige Komplettlähmung, Klinik, Reha, heute schwerbehindert und berufsunfähig. Einzige Gründe: Zu wenig Bewegung, zu gut genährt, zuviel Bier und zu viele Zigaretten. Mein Argument „auch junge Nichtraucher meines Freundeskreises starben, somit lohnt es sich nicht, mit dem Rauchen aufzuhören“ wird aufgrund dieser aktuellen und schockierenden Negativbeispiele von Jahr zu Jahr mehr entkräftet.

Die Grundstimmung ist, auch wenn man es nicht glauben mag, als Nichtraucher positiver. Echtes Verlangen nach einer Zigarette, so erfuhr ich am eigenen Leib, dauert nur wenige Sekunden bis Minuten, im Höchstfall eine viertel Stunde. Während dieser Phase kann leichte Gereiztheit auftreten, stellt man sich die Frage „warum tue ich mir das an?“, ist aber der Entzug leicht zu überwinden, indem man regelrecht abhaut. Raus aus der Situation, raus aus der Wohnung, rein in die frische Luft. Es ist so einfach. Oder ein Glas Wasser trinken, heutzutage gerne noch ein Nikotinkaugummi einwerfen. Uns werden alle Möglichkeiten des recht erträglichen Entzugs geboten, leichter als heute war es noch nie bisher. Die Grundstimmung als Raucher ist negativer. Als Nichtraucher ist man ruhiger, auch nervlich belastbarer. Logisch, Blutdruck und Herzschlag reduzieren sich von Tag zu Tag, somit auch die Erregbarkeit des vegetativen Nervensystems. Alles, was als nervlich belastend erscheint, ist nichts anderes als der körperliche Entzug, und der dauert, wie erwähnt, nur Minuten an. Also Augen zu und durch. Es ist zu schaffen.

Also will ich es wagen? Ich bin unsicher und zu oft hatte ich meine Rückfälle. Der Wille fehlte. Vielleicht ab heute? Bis jetzt habe ich heute noch keine Zigarette geraucht. Ich versuche es. Vielleicht hilft es mir, in Zeiten des Entzugs nicht nur das Buch von Allen Carr zur Hand zu nehmen (und über Nikotinkaugummis verfüge ich zur Genüge), sondern auch, hier meine eigenen Worte zu lesen, um zu erkennen, wie dumm ich bin, oder besser ausgedrückt, wie klug und sinnvoll es ist, mit dem Rauchen aufzuhören. Deswegen habe ich das alles einmal aufgeschrieben. Und es gibt noch mehr, das es zu schreiben gäbe, wie auch Fotos, die zu betrachten sind, wenn der Wille ins Wanken kommt: Diese grauenhaften Teerlungen, Löcher im Hals bei Kehlkopfkrebs, amputierten Raucherbeine, und so weiter, überall im Netz zu finden. Einfach mal angucken, immer und immer wieder…, so meine Empfehlung auch an mich selbst.

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