Ich mag es ja nun gar nicht, mich auf meinen Wanderungen in Zeit und Route zu verschätzen. Insbesondere im Herbst, wenn die Tage kürzer werden, kann es passieren, dass zwar außerhalb der Wälder noch angenehm heller Tag herrscht, in ihnen jedoch, vor allem bei dichtem Baumbestand, ungemütliche Dunkelheit.
Anfangs erschreckte ich bei jedem Rascheln. Es war äußerst unangenehm. Es war weniger die Angst vor Wölfen, Bären, Dracula oder anderweitigen Mördern, als die Angst eines Tages einem Wildschwein zu begegnen. So ganz ungefährlich sind sie nicht und wenn sie angreifen: „Aua!“ – das kann weh tun. Ich habe keine Lust, mit angebissenem Bein zum Parkplatz zu laufen, beziehungsweise mich dort hin zu schleppen, eine lange Blutspur hinterlassend, halb ohnmächtig vor Schock und Schmerz und vor allem „naturgeheilt“ auf alle Zeiten, denn nach so einem Erlebnis hätte ich erst einmal die Schnauze voll von ihr.
Irgendwann erkannte ich: Ein schon recht lautes Rascheln kann bedeuten, dass eine Amsel im Laub nach Würmern wühlt oder ein Igel nach Käfern. Manchmal ist es ein Eichhörnchen, selten ein junges Wiesel, das einen mit großen Augen am Wegesrand sitzend anstarrt. Einmal war es ein Fuchs. Intelligenterweise dachte er wohl, er müsse sich jetzt vor dem sich nähernden Menschen verstecken und setzte sich mit dem Rücken zum Weg in ein Gebüsch, frei nach dem Prinzip: „Wenn ich ihn nicht sehe, sieht er mich auch nicht“, obwohl Rücken wie auch lange Rute sich deutlich erkennbar vom Grün der Pflanzen abhoben.
Ein noch lauteres Rascheln deutet auf fröhlich hüpfende Rehe hin. Schon oft sah ich sie in der Dämmerung, manchmal einzeln, manchmal zu zweit, selten zu dritt.
Schlägt man sich als Mensch durch das Unterholz, bemerkt man, dass ein Mensch, der durch den Wald läuft, in etwa tönt wie ein Trampeltier, dazu im Zweiertakt seiner Schritte das unglaublich laute Knacken der Hölzer, Äste und Wurzeln.
So verliert man im Laufe der Zeit jegliche Angst. Blind erkennt man irgendwann so grob geschätzt, welches Tier in ungefähr welcher Größe nah oder fern vor sich hinraschelt. Auch heute war ich einmal wieder zutiefst entzückt, ein paar Rehe durch den Wald springen zu hören.
Sehr weit entfernt schienen sie nicht zu sein. Entgegen bisheriger Erfahrung jedoch schienen sie sich links und rechts vom Weg zu befinden, irgendwo im Dickicht. Im geistigen Auge sah ich sie, wie gewohnt, elegant und anmutig durch das Unterholz federn, nur dieses Mal bewegten sie sich irgendwie in meine Richtung, das heißt, sie kamen näher und hüpften nicht davon. So zumindest schloss ich aus dem, was ich hörte.
Immer mal wieder blieb ich stehen, um sie zu sehen, aber ich erkannte nichts. Tatsächlich schienen sie mich links und rechts meines Weges regelrecht zu begleiten. So etwas hatte ich ja noch nie erlebt und irgendwann dämmerte mir (klar, in der Dämmerung dämmert es einem), dass hier irgend etwas nicht stimmen kann.
Wieder blieb ich stehen und lauschte dem merkwürdigen Rascheln. Eine Art Reh schien sich dem Weg zu nähern und erst jetzt fiel mir auf, dass das alles nicht so anmutig klang wie üblich, bis das Reh etwas wie „Schnorch“ oder „Krönk“ sagte.
Oder „Krook“. Eigentlich sollte es „Oink“ heißen, denn es war das klassische Grunzen eines Schweins…
…
Sch…e! Nun hatte ich meine befürchtete und eigentlich längst erwartete Situation, es war nur noch eine Frage der Zeit, bis ich sie erlebte und heute durfte ich sie erleben. Mitten auf dem Trimm-Dich-Pfad, wer glaubt denn so etwas?!
Ich war umzingelt von einer Rotte Wildschweine. Was tun? Keine Ahnung. Ich hatte keine Lust, mich à la Unterricht von Rüdiger Nehberg mit Stefan Raab in eine selbstgebaute Erdhöhle zu setzen, um abzuwarten, bis die Rotte wieder davon zieht.
Und ich hatte keine Lust mich als hilfloses Opfer dieser Rotte auszusetzen. Ich konnte ja noch nicht einmal sehen, wie viele es waren, ahnte nur, es waren beidseitig des Weges wohl einige Schweine, denn es raschelte fröhlich weiter, während ich erstarrt wie vom Donner gerührt auf dem Weg stand und meine Ohren spitzte.
Ach herrlich, welche Instinkte in einem wach werden können! Meine Ohren orteten beinahe punktgenau, wo sich das Schwein befand, das mich aus gar nicht all zu großer Ferne mit diesem „Krook“ oder „Oink“ begrüßt hatte.
Es waren höchstens zwanzig Meter…
An Weglaufen war nicht zu denken. Wer vor Angst „leicht“ gelähmt ist, rennt nicht sonderlich schnell. Dazu die Befürchtung „wenn ich jetzt davon laufe, reize ich ihren Jagdtrieb und dann verfolgen sie mich“, ohne dabei zu wissen, ob Wildschweine tatsächlich über etwas ähnliches wie einen Jagdinstinkt verfügen.
Es schien doch eine leicht brenzlige Situation zu sein, die irgend ein Handeln erforderte. Wenn da Frischlinge mit im Spiel waren, somit eine etwas angriffslustige Bache, konnte ich einpacken. Also was tun?
Ich dachte an ein Täuschungsmanöver. Zunächst einmal lief ich laut pfeifend den Weg Richtung Parkplatz, damit die Schweine merken „da läuft ein Mensch“ und vielleicht deswegen das Weite suchen. Passte nicht, die Schweine blieben. Ich begann zu singen. Laut. Sehr laut. „Trallallalllaaaaa!!!“ – wie blöd man sich vorkommt.
Die Schweine blieben.
Also letzte Strategie: Ich spiele „Hund“. Zum Glück wusste ich, wie mein Beagle klang, als er laut bellend durch die Felder lief, um alles Getier, vom Hasen bis zum Schwarzbären, gnadenlos in die Flucht zu schlagen. Das war kein „Wöff“ oder „Woff“, auch kein hysterisches Pinscher-Gekläffe im Sinne von „Wäffäffäffäffäffäff“, sondern es war das Bellen der Jahreszeit, das allen Tieren des Waldes signalisierte: Nun sind jede Menge Reiter mit einer Meute von Jagdhunden unterwegs und wer nicht rennt, der hat dann halt Pech gehabt. Es war das „Geläut“. Das lang gezogene „Wuhuhuuuuuuuuuuuuuuu“ der Beagles und Foxhounds oder was da noch so alles in Großbritanniens Wäldern herumrannte.
Als Jugendliche und Frauchen meines Beagles hatte ich natürlich seine Sprache gehört, gelernt und nachgeahmt. Ich konnte perfekt läuten, das wusste ich.
Also läutete ich, als sei ich ein Beagle. Ich stand im Wald und rief ein lang gezogenes „Wuhuhu“ (und so weiter, Rest siehe oben).
Volltreffer. Es waren wohl Wildschweine mit britischen Vorfahren.