Rosskur

18. Oktober 2009

Es war die reinste Rosskur. Am dritten Oktober rauchte ich meine letzte Zigarette. Meine Bronchien streikten, das Rauchen machte keinen Spaß mehr. Ich bevorzuge frei zu atmen anstatt zu ersticken.

Am vierten Oktober, pünktlich nach Rauchstopp, verstopfte meine Nase und begann ein recht trockener Husten, wie bei so vielen Rauchern, die mit dem Rauchen aufhören und über diesen Zustand erst einmal schwer enttäuscht sind.

Also Rosskur: Täglich zwei bis drei Mal inhalieren (einen Inhalator bekommt man günstig in jeder Apotheke, so dass man nicht den Kopf über heiße Töpfe und unter dicke Handtücher stecken muss), nachts Wollschal aus echter Schafwolle. Meine Mutter hatte uns lange Schals gestrickt, als wir Kinder waren, der Schal ist somit dreiunddreißig Jahre alt. :-)

Und das Wichtigste: Durchhalten. Natürlich ist es verlockend, an die gute Zeit vor dem Rauchstopp zu denken, wo Nase und Bronchien (scheinbar) frei waren, und natürlich ist es verlockend, genau deswegen wieder mit dem Rauchen anzufangen. Nur dieses Mal wollte ich genau diesen Fehler nicht mehr machen und diesem Trugschluss, inklusive meiner Sucht, die einen so dummen Gedanken nur als Vorwand nutzt, nicht mehr erliegen.

Es lohnt sich. Tag für Tag besserten sich Schritt für Schritt die Symptome. Es war eine Frage der Geduld und des gesunden Menschenverstandes: Durch solche Reaktionen zeigt einem der Körper doch nur, was man ihm über Jahre angetan hat. Und wird man ungeduldig, fragt sich, ob Schnupfen und Husten denn nie enden wollen, dann hält man einfach durch und erklärt sich selbst, dass es sicher keine Lösung ist, den armen kranken Nasen-Nebenhöhlen und Bronchien wieder irgendwelche Staub-Partikel zuzuführen.

Der Entzug war recht einfach: Erstens kann man nicht rauchen und möchte es auch nicht, wenn man nicht mehr ordentlich atmen kann. Kein einziger Zug kam für mich mehr in Frage. Ich brauchte zunächst nur fünf Nikotin-Kaugummis der leichten Dosis (2 mg) pro Tag, jetzt sind es nur noch zwei. Ich hatte eine Woche lang Heißhunger auf Schokolade, Chips und Erdnuss-Flips. In der zweiten Woche normalisierte sich der Hunger auf den Stand vor dem Rauchstopp: Vollkornbrote, Wurst, Milchprodukte und Gemüse. Ich nahm somit nur zwei Kilogramm zu und das war’s dann auch.

Mein Körper reagierte zunächst nachts nur mit vermehrtem Schwitzen. Das ist längst vorbei, geblieben ist eine wohlige Wärme und um viele Grade schönere Haut aufgrund besserer Durchblutung. Tja. Und das leichte Taubheitsgefühl, das ich manchmal in einer Zehe verspürte, ist komplett verschwunden. Ich konnte nicht glauben, dass das am Rauchen liegt, weil ich ja so viel gar nie geraucht hatte. Nun wurde ich eines Besseren belehrt.

Bronchitis (deutlich verheilt), Schnupfen (ebenso) und Taubheitsgefühl (verschwunden) sind mein persönlicher Beweis, dass Rauchen tödlich ist. Sie sind meine aus tiefster innerer Überzeugung entstandene Motivation, nie wieder auch nur einen einzigen Zug aus einer Zigarette oder anderweitiger Tabakware zu tun, um nie wieder dieser Sucht zu erliegen, denn ich habe keine Lust zu ersticken und keine Lust auf Raucherbeine oder -zehen. Natürlich, manchmal ist es schwer. Es gibt immer mal wieder Momente, wo die Sucht einen überfällt, wo der Gedanke an eine Zigarette erscheint und man feststellt: Hups – ich habe ja gar keine mehr. Die dauern jedoch nur wenige Sekunden und stelle ich mir bildlich vor, wie ich Ruß- und Staubpartikel einatme, somit meinen Körper langsam vernichte, vergeht die Lust auf eine Zigarette schneller, als sie gekommen war.

Im Übrigen: Die karzinogene Wirkung von Zigaretten ist unumstritten. Viel eher betont werden sollte jedoch die chronisch obstruktive Bronchitis, auch genannt COPD, „chronic obstructive pulmonary disease“. Die meisten Raucher tun das, was nur logische Folge des Jahrzehnte andauernden Inhalierens von Staub, Teer und anderweitigen Giftstoffen ist: Sie ersticken.


Apropos Landleben

3. Oktober 2009

Es ist mir unverständlich, weswegen Leute (zum Beispiel Nachbarn) sich eine Wohnung an einer stark befahrenen Hauptverkehrsstraße zulegen, um sie dann als „Ferienwohnung“ zu bezeichnen und viele Wochenenden auf dem Balkon, gaffend auf vorbeifahrende Autos, zu verbringen. ;-)


A star was born

3. Oktober 2009

Hier ein paar Fotos meines Beagles, dessen Sprache mich kürzlich vor dem „Angriff der Wildschwein-Ritter“ bewahrte. ;-)

1981

2

Er war ja ein Prachtkerl. :-)

Geschenkt bekam ich ihn von meinen Eltern, nachdem ich schätzungsweise über zehn Jahre darum bettelte, einen Hund besitzen zu dürfen. Als ich vier Jahre alt war, fing es an, steigerte sich ab meinem zwölften Lebensjahr und endete nicht bis zu meinem fünfzehnten Lebensjahr.

Die Entscheidung meiner Eltern zu warten, bis wir ein kleines Reihenhäuschen mit Garten besaßen, bewerte ich im Nachhinein als vollkommen richtig. Nach meiner Meinung gehören Hunde auf das Land, so meine Erfahrung, als ich mich hier in der Kleinstadt als Begleiterin eines Hundes anbot, dessen Besitzerin ab und zu Unterstützung brauchte. Auch mein Beagle fühlte sich hier nicht sonderlich wohl, als ich ihn als Studentin ein paar Mal mitbrachte, um ihm meine neue Umgebung zu zeigen. Seine Freude, wieder in mein Elternhaus zu Natur und Garten zurückkehren zu dürfen, bestätigte mir, dass sein Platz dort und nicht hier war. Ich konnte ihn besten Gewissens für immer dort lassen, wo er von meinen Eltern geliebt und umsorgt wurde, als sei er ihr drittes, ihnen im Haus noch verbliebenes Kind.

Er wurde über fünfzehn Jahre alt, ein stolzes Alter für einen Beagle. Im Normalfall rechnet man ihnen ungefähr zwölf Lebensjahre zu. Es ist ein wenig kompliziert, ihre schlanke Linie zu erhalten, denn neben Auslauf, Spaß und Spiel steht an Platz Eins der Lebensqualitäten eines Beagles das Fressen.  Wer dem nicht widersteht, hat nach nur wenigen Monaten eine Art Klops zu Hause sitzen, dem Bewegung schwer fällt, somit auch das Gesundbleiben.

Ich denke gerade an eine Situation, als ich als Schülerin nach Hause kam und sowohl eine beleidigte, gleichzeitig leicht belustigte, Mutter auf dem Sofa, als auch einen sehr stillen, geknickten Beagle in der Ecke vorfand. Er bewegte sich kaum und guckte mich traurig an. Als ich mich bei meiner Mutter erkundigte, welches Problem er wohl hat, erfuhr ich, dass sie sich ein halbes Hähnchen gönnen wollte, es auf ihren Teller legte und nur ein paar wenige Sekunden den Platz verließ, um etwas zu Trinken zu holen. Mein Beagle zögerte nicht und nutzte die Gelegenheit: Vorderpfoten auf den Tisch, „haps!“ – Hähnchen geklaut. Als nun meine Mutter versuchte, ihm den Gockel in wilder Hetzjagd durch das Wohnzimmer zu entziehen, dachte sich mein Hund offensichtlich, dass er das gute Stück einfach verschwinden lassen müsse, damit niemand etwas abbekommt, und schlang es mit drei Würgern ungekaut hinunter.

Eine Boa Constrictor hätte es nicht besser gekonnt, nur war mein Beagle keine Schlange, sondern ein einfacher Hund. Da lag nun ein halbes Hähnchen im Magen und wartete auf seine Verdauung. Mein Hund war somit weder geknickt noch traurig, als ich ihn wenige Zeit später in der Ecke sitzen sah, sondern hatte nur grauenhafte Bauchschmerzen. :-)

Er war vier Jahre lang der Mittelpunkt meines Lebens. Er war Familienmitglied und band mich an Verantwortung, die mir gleichzeitig einen Freund, viel Spaß, Freude, Lebenserfahrung und gesundes Leben mit geregeltem Tagesablauf bot. Trotzdem würde ich mir heutzutage keinen Hund mehr anschaffen und kann ich nur jedem raten, sich genau zu überlegen, welche Möglichkeiten er einem Tier bietet, bevor er ihm ein neues Zuhause schenkt. Ich denke in dieser Hinsicht etwas extrem. Zwar freute sich mein Hund, nach längerer Trennung wieder bei mir wohnen zu dürfen, andererseits fand er Kleinstadt, Wohnung und manche andere, teils etwas neurotische bissige Stadthunde wohl ziemlich blöde.

Nach jahrelangem Leben in familieneigenem Reihenhaus mit Garten, jeder Menge Auslauf und Freiheit auf weiten Feldern fühlte er sich hier doch etwas beengt. Ich konnte es gut verstehen. Nach zwei Wochen Testlauf brachte ich ihn meinen Eltern zurück und konnte gleichzeitig meiner Mutter die Sorge nehmen, ihn für immer bei mir behalten zu wollen. Beide freuten sich, sich wieder zu haben und so ließ ich ihn dort, wo er sein wollte: Zu Hause. Die Sache war längst entschieden, nur brauchten sowohl Hund als auch ich noch einmal diese kurze Phase des Zusammenlebens, um zu verstehen, dass der Preis, den mein Hund dafür hätte zahlen müssen, einfach zu hoch gewesen wäre.


Die Begegnung

29. September 2009

Ich mag es ja nun gar nicht, mich auf meinen Wanderungen in Zeit und Route zu verschätzen. Insbesondere im Herbst, wenn die Tage kürzer werden, kann es passieren, dass zwar außerhalb der Wälder noch angenehm heller Tag herrscht, in ihnen jedoch, vor allem bei dichtem Baumbestand, ungemütliche Dunkelheit.

Anfangs erschreckte ich bei jedem Rascheln. Es war äußerst unangenehm. Es war weniger die Angst vor Wölfen, Bären, Dracula oder anderweitigen Mördern, als die Angst eines Tages einem Wildschwein zu begegnen. So ganz ungefährlich sind sie nicht und wenn sie angreifen: „Aua!“ – das kann weh tun. Ich habe keine Lust, mit angebissenem Bein zum Parkplatz zu laufen, beziehungsweise mich dort hin zu schleppen, eine lange Blutspur hinterlassend, halb ohnmächtig vor Schock und Schmerz und vor allem „naturgeheilt“ auf alle Zeiten, denn nach so einem Erlebnis hätte ich erst einmal die Schnauze voll von ihr.

Irgendwann erkannte ich: Ein schon recht lautes Rascheln kann bedeuten, dass eine Amsel im Laub nach Würmern wühlt oder ein Igel nach Käfern. Manchmal ist es ein Eichhörnchen, selten ein junges Wiesel, das einen mit großen Augen am Wegesrand sitzend anstarrt. Einmal war es ein Fuchs. Intelligenterweise dachte er wohl, er müsse sich jetzt vor dem sich nähernden Menschen verstecken und setzte sich mit dem Rücken zum Weg in ein Gebüsch, frei nach dem Prinzip: „Wenn ich ihn nicht sehe, sieht er mich auch nicht“, obwohl Rücken wie auch lange Rute sich deutlich erkennbar vom Grün der Pflanzen abhoben.

Ein noch lauteres Rascheln deutet auf fröhlich hüpfende Rehe hin. Schon oft sah ich sie in der Dämmerung, manchmal einzeln, manchmal zu zweit, selten zu dritt.

Schlägt man sich als Mensch durch das Unterholz, bemerkt man, dass ein Mensch, der durch den Wald läuft, in etwa tönt wie ein Trampeltier, dazu im Zweiertakt seiner Schritte das unglaublich laute Knacken der Hölzer, Äste und Wurzeln.

So verliert man im Laufe der Zeit jegliche Angst. Blind erkennt man irgendwann so grob geschätzt, welches Tier in ungefähr welcher Größe nah oder fern vor sich hinraschelt. Auch heute war ich einmal wieder zutiefst entzückt, ein paar Rehe durch den Wald springen zu hören. ;-)

Sehr weit entfernt schienen sie nicht zu sein. Entgegen bisheriger Erfahrung jedoch schienen sie sich links und rechts vom Weg zu befinden, irgendwo im Dickicht. Im geistigen Auge sah ich sie, wie gewohnt, elegant und anmutig durch das Unterholz federn, nur dieses Mal bewegten sie sich irgendwie in meine Richtung, das heißt, sie kamen näher und hüpften nicht davon. So zumindest schloss ich aus dem, was ich hörte.

Immer mal wieder blieb ich stehen, um sie zu sehen, aber ich erkannte nichts. Tatsächlich schienen sie mich links und rechts meines Weges regelrecht zu begleiten. So etwas hatte ich ja noch nie erlebt und irgendwann dämmerte mir (klar, in der Dämmerung dämmert es einem), dass hier irgend etwas nicht stimmen kann.

Wieder blieb ich stehen und lauschte dem merkwürdigen Rascheln. Eine Art Reh schien sich dem Weg zu nähern und erst jetzt fiel mir auf, dass das alles nicht so anmutig klang wie üblich, bis das Reh etwas wie „Schnorch“ oder „Krönk“ sagte.

Oder „Krook“. Eigentlich sollte es „Oink“ heißen, denn es war das klassische Grunzen eines Schweins…

Sch…e! Nun hatte ich meine befürchtete und eigentlich längst erwartete Situation, es war nur noch eine Frage der Zeit, bis ich sie erlebte und heute durfte ich sie erleben. Mitten auf dem Trimm-Dich-Pfad, wer glaubt denn so etwas?!

Ich war umzingelt von einer Rotte Wildschweine. Was tun? Keine Ahnung. Ich hatte keine Lust, mich à la Unterricht von Rüdiger Nehberg mit Stefan Raab in eine selbstgebaute Erdhöhle zu setzen, um abzuwarten, bis die Rotte wieder davon zieht.

Und ich hatte keine Lust mich als hilfloses Opfer dieser Rotte auszusetzen. Ich konnte ja noch nicht einmal sehen, wie viele es waren, ahnte nur, es waren beidseitig des Weges wohl einige Schweine, denn es raschelte fröhlich weiter, während ich erstarrt wie vom Donner gerührt auf dem Weg stand und meine Ohren spitzte.

Ach herrlich, welche Instinkte in einem wach werden können! Meine Ohren orteten beinahe punktgenau, wo sich das Schwein befand, das mich aus gar nicht all zu großer Ferne mit diesem „Krook“ oder „Oink“ begrüßt hatte.

Es waren höchstens zwanzig Meter…

An Weglaufen war nicht zu denken. Wer vor Angst „leicht“ gelähmt ist, rennt nicht sonderlich schnell. Dazu die Befürchtung „wenn ich jetzt davon laufe, reize ich ihren Jagdtrieb und dann verfolgen sie mich“, ohne dabei zu wissen, ob Wildschweine tatsächlich über etwas ähnliches wie einen Jagdinstinkt verfügen.

Es schien doch eine leicht brenzlige Situation zu sein, die irgend ein Handeln erforderte. Wenn da Frischlinge mit im Spiel waren, somit eine etwas angriffslustige Bache, konnte ich einpacken. Also was tun?

Ich dachte an ein Täuschungsmanöver. Zunächst einmal lief ich laut pfeifend den Weg Richtung Parkplatz, damit die Schweine merken „da läuft ein Mensch“ und vielleicht deswegen das Weite suchen. Passte nicht, die Schweine blieben. Ich begann zu singen. Laut. Sehr laut. „Trallallalllaaaaa!!!“ – wie blöd man sich vorkommt.

Die Schweine blieben.

Also letzte Strategie: Ich spiele „Hund“. Zum Glück wusste ich, wie mein Beagle klang, als er laut bellend durch die Felder lief, um alles Getier, vom Hasen bis zum Schwarzbären, gnadenlos in die Flucht zu schlagen. Das war kein „Wöff“ oder „Woff“, auch kein hysterisches Pinscher-Gekläffe im Sinne von „Wäffäffäffäffäffäff“, sondern es war das Bellen der Jahreszeit, das allen Tieren des Waldes signalisierte: Nun sind jede Menge Reiter mit einer Meute von Jagdhunden unterwegs und wer nicht rennt, der hat dann halt Pech gehabt. Es war das „Geläut“. Das lang gezogene „Wuhuhuuuuuuuuuuuuuuu“ der Beagles und Foxhounds oder was da noch so alles in Großbritanniens Wäldern herumrannte.

Als Jugendliche und Frauchen meines Beagles hatte ich natürlich seine Sprache gehört, gelernt und nachgeahmt. Ich konnte perfekt läuten, das wusste ich.

Also läutete ich, als sei ich ein Beagle. Ich stand im Wald und rief ein lang gezogenes „Wuhuhu“ (und so weiter, Rest siehe oben).

Volltreffer. Es waren wohl Wildschweine mit britischen Vorfahren. ;-)


Rauchen aufhören

27. September 2009

Nun habe ich mir also wieder einmal vorgenommen, mit dem Rauchen aufzuhören. Weswegen?

Weil ich nach einer Erkältung diesen bekannten Druck auf den Bronchien fühle, der mir beweist, dass meine Atemwege verschleimt, verteert, regelrecht zugekleistert und in Gefahr sind.

Weil mir das Atmen nach jeder Erkältung unangenehm schwer fällt. Ein Beweis, dass meine Bronchien sich nicht erholen können. Ein Beweis, dass meine Lunge zunehmend an Volumen verliert.

Weil ich den Sinn des Rauchens schon lange nicht mehr erkenne. Eigentlich finde ich Rauchen ekelhaft. Es ist eine dreckige Angelegenheit, die sowohl Körper und Hirn schädigt (jawohl, Hirn, denn es fehlt Sauerstoff), als auch die Umwelt verschmutzt (die Wände der Wohnung eines Nichtrauchers sind nach Jahren noch so gut wie blütenweiß, die Wände der Wohnung eines Rauchers eher beige-braun).

Rauchen raubt mir die Fitness. Als ich vor drei Jahren das Buch „Endlich Nichtraucher“ von Allen Carr las, wurde mir bewusst, dass er Anfang Vierzig dasselbe erlebte wie ich: Er wachte morgens schwerer auf, war oft müde und schlapp und dachte, das alles liegt am Älterwerden. Im Moment, als er aufhörte, besserte sich sein Zustand um unerwartet fühlbare Grade, es war die reinste Erkenntnis, wie dumm es war, je mit dem Rauchen angefangen zu haben. Ich konnte damals alles für mich bestätigen, als ich immerhin einige Monate rauchfrei lebte.

Allen Carr hatte mir überhaupt in vielen Dingen die Augen geöffnet. Am Überzeugendsten war sein Argument, dass ein Raucher immer einen Grund findet zu rauchen. Es ist die Entschuldigung vor sich selbst, um sich nicht eingestehen zu müssen, dass das Rauchen an sich eine Sucht ist, die ohne Grund immer ausgeführt wird, eben weil man süchtig ist, und nicht, weil ein äußerer Umstand „schuld“ an der Angelegenheit zu sein scheint. Beispiel: Habe ich zu viel Zeit, begründe ich den Griff zur Zigarette damit, dass ich zu viel Zeit habe, habe ich zu wenig Zeit, somit Hektik und Stress, rauche ich anscheinend nur deswegen, weil ich zu wenig Zeit habe. Wo liegt hier die Logik? Und welches „gute Mittelmaß“ an Zeit muss gegeben sein, damit man nicht mehr raucht? Besser noch: Habe ich das gute Mittelmaß an Zeit, greife ich zur Zigarette, „weil es gerade so schön ist und Rauchen einfach dazugehört, denn ich bin ja ein Genussmensch“. Wieder einen Grund gefunden. Die Gründe sind fadenscheinig. Die Wahrheit ist: Es gibt keinen Grund zu rauchen, außer den, dass man süchtig ist und Punkt.

Ich kann mich sehr gut daran erinnern, wie mein Körper es mir in vielen Punkten dankte, als ich drei Monate nicht rauchte: Magen und Darm waren nicht mehr gereizt, ich konnte frei durchatmen, ich konnte wieder Gerüche aufnehmen, ich war morgens nicht mehr wie gerädert, sondern frisch, als sei ich zwanzig Jahre jünger, ich hatte nicht mehr diesen dumpfen Druck in Stirn und Augen („vernebelt“ kann man es auch bezeichnen), meine Muskeln bauten im Training schneller auf, Muskelkater und Gelenkbeschwerden reduzierten sich auf beinahe Null, ein ständiges leichtes Kratzgefühl in Rachen und Hals war verschwunden, die Zunge nicht mehr belegt. Ich fühlte von Beginn des Nichtrauchens an, was für ein aggressiver Stoff diese Zigaretten wirklich sind und was man seinem Körper durch das Rauchen wirklich Schlimmes antut. Tatsächlich war ich erstaunt über die Fülle an positiven Folgen des Nichtrauchens und tatsächlich kam mir der Gedanke: „Wer sich ab einem bestimmten Alter über chronische Zipperlein beklagt, sollte zunächst einmal einfach aufhören zu rauchen, bevor er den Arzt aufsucht“.

Hinzu kommt, dass ich kein starker Raucher bin. Noch nie hatte ich es wirklich vertragen. Früh morgens zum Beispiel, wenn ich recht fit und munter aufwache, dann im Verlauf des Vormittags drei Zigaretten geraucht habe, ist meine Fitness um fühlbare Grade gesunken. Ich dachte, das sei normal, bis ich eines Besseren belehrt wurde, als andere Raucher mir erzählten, dass sie durch das Rauchen erst richtig fit werden. Ein Kollege erklärte mir sogar „Ja, dann verträgst du das Rauchen einfach nicht!“. In allen Tests, in denen man durch Ankreuzen bestimmter Fragen den eigenen Suchtfaktor bestimmt, erhalte ich als Ergebnis, ich sei nicht sonderlich süchtig, auf einer Skala von eins bis zehn liege ich auf Faktor vier. Ich sei „der Gewohnheitsraucher“, der unangenehme bis gefährliche Folgen und die Sinnlosigkeit des Rauchens längst erkannt hat, der das Rauchen längst nicht mehr vehement verteidigt und lediglich zur Zigarette greift, weil mittelmäßige Sucht vorhanden ist und man sich nicht großartig weiter Gedanken macht. „Gewohnheit“ eben, die noch relativ leicht entwöhnbar ist im Gegensatz zum Entzug schwer süchtiger Raucher. Also weswegen diese lästige und dazu schädliche Angewohnheit nicht ablegen? Wer innerlich längst kein überzeugter Raucher mehr ist, dazu nur mittelmäßig süchtig, hat doch die besten Chancen.

Dann die unangenehmen Seiten. Sagen wir einmal so: „Es stirbt sich nicht so einfach“. Wer ein Bronchial-, Kehlkopf oder Lungenkarzinom bekommt, hat die Wahl, weiter zu rauchen und elend zu ersticken, und / oder sich langwierigen Operationen und ihren Folgen zu unterziehen, um dann doch eventuell zu sterben, oder aber sich gleich vom Leben zu verabschieden und von der Brücke zu springen. Da ich trotz einiger Widrigkeiten doch sehr an meinem insbesondere gesunden Leben hänge und ihm sehr viel abgewinnen kann, habe ich weder Lust zu ersticken, noch, dauernd operiert zu werden, am Wenigsten, keine Luft mehr zu bekommen oder mich von der Brücke zu stürzen und am Allerwenigsten, frühzeitig zu sterben, denn das bedeutet unermessliches Leid, Trauer und Abschied von allen, die einem lieb sind und allem, was einem lieb ist. Dazu die Erkenntnis: „Wie konnte ich nur so dumm sein, mit dem Rauchen zu beginnen! Was habe ich mir da angetan?!“. Genau so ist es, wenn ein Arzt einem die Diagnose „Krebs als Folge des Rauchens“ stellt, und genau deswegen schaffen es in zwar nicht allen, aber den meisten, Fällen (na so ein Wunder) selbst extremste Raucher, von jetzt auf gleich aufzuhören. Nur dann ist es zu spät. Definitiv.

Bedenke ich, weswegen ich überhaupt anfing zu rauchen, erkenne ich, wie sinnlos es war: Natürlich meine zweite große Liebe im Jugendalter (er hat sich übrigens inzwischen längst das Rauchen abgewöhnt und das seit Jahren) und eine Partystimmung als Studentin. Meine zweite große Liebe im Jugendalter bewegte mich, bis dahin sehr gesund und sportlich lebend, kein Alkohol, kein Nikotin, es auch einmal zu probieren, obwohl er mir abriet „fang bloß nicht damit an“. Also paffte ich erst einmal. Keine Lungenzüge. Es blieb bei schätzungsweise drei Zigaretten pro Woche, manchmal sieben pro Woche. Lungenzüge waren mir gar nicht möglich, weil ich beim leisesten Versuch einen enormen Hustenanfall bekam und mich fragte, wie das überhaupt zu bewerkstelligen sei. So klärte mich eines Tages ein Studienfreund auf: „Du musst nur hart zu dir selbst sein und den ersten Hustenanfall akzeptieren, beim zweiten Lungenzug wirst du nicht mehr husten“. Genau so war es. Ich bekam noch in seiner Gegenwart den Hustenanfall des Jahrtausends, aber der Rauch war drin in der Lunge. Die armen Flimmerhärchen meiner Bronchien hatten sich geschlagen gegeben und waren kaputt. Und mit diesem Lungenzug kam die Sucht: Umgehend fühlte ich ein leichtes Schwindelgefühl im Kopf, das war die Wirkung des Nikotins, beschwingend und berauschend. Das sind die Suchtstoffe, ohne Zweifel. Glücksgefühle werden ausgelöst. Noch am selben Abend rauchte ich sieben Zigaretten, am nächsten Abend waren es zwölf und bei schätzungsweise zwölf Zigaretten täglich blieb es mein Leben danach. In Krisenzeiten auch mal mehr, aber weil hier mein Körper regelrecht krank wurde und ich die Folgen des Rauchens wirklich in allen Facetten zu fühlen bekam (Erkältung, Muskelschmerzen, Atembeschwerden, Halskratzen, Kopfschmerzen, Müdigkeit, und so weiter) blieb es nie lange dabei. Zudem mochte ich und mag ich bis heute keinen Rauchgeruch in der Wohnung. Bis heute wird nach jeder Zigarette gelüftet, mit aufgerissenem Fenster und Ventilator. Verrauchte Kneipen sind mir ein Gräuel, diese meide ich seit längst zwanzig Jahren und war froh, dass das Rauchen in öffentlichen Gaststätten irgendwann verboten wurde.

Insofern bin ich nicht der typische Raucher, wurde süchtig erst mit zwanzig Jahren, davor lebte ich von gesundem Essen und frischer Luft. Wie dumm ich war, mit dem Rauchen anzufangen! Diese Erkenntnis saß tief genau ab dem Moment als ich anfing, und immer wieder versuchte ich damit aufzuhören. Ich schaffte es nicht so wirklich, nicht, weil ich ein Opfer meiner eigenen Sucht bin (die zwei Tage körperlicher Entzug sind leicht zu bewältigen), sondern weil der feste, zutiefst überzeugte Wille fehlte. Ein Kollege von mir bezeichnete das einmal so: „Wenn man nicht mehr rauchen will, hört man einfach auf, und zwar von jetzt auf gleich. Wenn man es nicht schafft, dann wollte man nicht richtig“. Recht hat er. War ich mir selbst gegenüber ehrlich, war es nach längerer Zeit Entzug und rauchfreiem Leben eine bewusste Willensentscheidung, wieder damit anzufangen. Es waren Gedanken wie „man gönnt sich ja sonst nichts“ oder aber „die Erde verliert sowieso zunehmend an Sauerstoff und wir werden alle ersticken“ oder aber „ich möchte ja gar nicht so furchtbar alt werden“. Ich gestand mir selbst also einen „Selbstmord auf Raten“ ein, nur vergaß ich dabei, dass nicht ich bestimme, wann das Karzinom dann auftritt, sondern die veränderte Zelle selbst und das kann morgen sein. Im Moment, wo ich mir selbst erkläre, dass ich gar nicht so furchtbar alt werden möchte, denke ich: „Naja, so achtzig Jahre genügt“, nur: Das habe ich leider nicht unter Kontrolle und das blendet man bei diesen Gedanken nur zu gerne aus. Und eines weiß ich: Wenn mir ein Arzt dann zirka Mitte meiner Fünfzigerjahre erklärt „Sie haben nur noch wenige Monate zu leben“, bereue ich jede einzelne Zigarette mehr als zutiefst, ich würde an meiner eigenen Dummheit verzweifeln, denn tot ist tot und nie wieder rückgängig zu machen.

Dinge wie „die Lunge eines Rauchers entspricht erst nach zehn Jahren Abstinenz wieder derjenigen eines Nichtrauchers“ sprechen vielleicht die Wahrheit, aber sollte man sich aus dem Kopf schlagen, weil die Verlockung eines „dann lohnt es sich sowieso nicht mehr, mit dem Rauchen aufzuhören“ zu groß ist. Einfach verdrängen. Die positiven Folgen des Nichtrauchens sind von Beginn der Abstinenz an deutlich zu fühlen und nur diese sollte man sich bewusst machen, alles andere ist zu spät und es ist müßig wie etwas riskant, darüber nachzudenken und somit den Sinn der Abstinenz wieder aus den Augen zu verlieren.

Insofern habe ich Unsinn und Nachteile des Rauchens längst erkannt, ja sogar verinnerlicht und bin schon lange, lange keine überzeugte Raucherin mehr, es selten, wenn dann nur phasenweise, gewesen. Gerade Menschen wie ich, die körperlich nicht sooo auf der Höhe sind, etwas schmächtig und ein wenig unsportlich, trotz vielen Trainings, aber aufgrund eines gewissen Mangels an Genen, die mich klein, kompakt und muskulös erscheinen lassen würden, könnte ich es mir aussuchen, sollten nicht rauchen. Ich bin eher der dünne Typ, war in der Jugend lang und hochgeschossen, mütterlicherseits zu siebzig Prozent eher Astheniker, zu schätzungsweise dreißig Prozent Athlet, dies habe ich väterlicherseits geerbt. Nun gab es in meinem Leben zwei schockierende und prägende Ereignisse, die mir die Perversion des Gesundlebens regelrecht „auf’s Auge“ drückten, die mir den Sinn des Nichtrauchens nicht erklärten, ja irgendwie absprachen. Meine Freundin und Mitbewohnerin erkrankte mit einundzwanzig Jahren an Brustkrebs und starb mit sechsundzwanzig Jahren. Sie war Nichtraucherin. Jede Phase ihres Krankwerdens und Sterbens erlebte ich bis zum Schluss aus nächster Nähe mit, befand mich damals im selben Alter wie sie. Kurz vor ihrem Tod, genau anderthalb Jahre vorher, hörte mein damals bester Studienfreund und Vertrauter mit dem Rauchen auf. Ich ebenso. Als er drei Monate später bei einem Verkehrsunfall unverschuldet starb, fing ich wieder an. Logisch. „Wozu mit dem Rauchen aufhören, wenn das die Belohnung ist?!“ war mein erster Gedanke. Ich war traurig, verzweifelt und frustriert.

Nur leider, oder Gott sei Dank, wie man es nimmt, werde ich älter, fühle ich die negativen Folgen des Rauchens von Monat zu Monat mehr, auch meine Haut ist nicht sonderlich ansehnlich und altert schneller als ich es mir wünsche, und bekomme ich nun mit, wie Freunde, Bekannte und entfernte bekannte Persönlichkeiten (Schauspieler, etc., ich möchte keine Namen nennen), die Folgen des Rauchens schmerzlich bis tödlich erfahren. Da war der fünfundsechzigjährige Chatbekannte, der schon lange nicht mehr mitchattet, weil innerhalb nur eines Jahres an Kehlkopfkrebs verstorben, und da ist eine ebenso über sechzigjährige Chatbekannte, die kürzlich ein Lungenemphysem bekam und sich mit einer Sauerstoff-Flasche durch den Tag schleppt. Wie schlimm das ist! Und ein weiterer Chatbekannter, der, noch viel schlimmer, mit siebenundfünfzig Jahren einen schweren Schlaganfall bekam, mit allem, was dazu gehört: Halbseitige Komplettlähmung, Klinik, Reha, heute schwerbehindert und berufsunfähig. Einzige Gründe: Zu wenig Bewegung, zu gut genährt, zuviel Bier und zu viele Zigaretten. Mein Argument „auch junge Nichtraucher meines Freundeskreises starben, somit lohnt es sich nicht, mit dem Rauchen aufzuhören“ wird aufgrund dieser aktuellen und schockierenden Negativbeispiele von Jahr zu Jahr mehr entkräftet.

Die Grundstimmung ist, auch wenn man es nicht glauben mag, als Nichtraucher positiver. Echtes Verlangen nach einer Zigarette, so erfuhr ich am eigenen Leib, dauert nur wenige Sekunden bis Minuten, im Höchstfall eine viertel Stunde. Während dieser Phase kann leichte Gereiztheit auftreten, stellt man sich die Frage „warum tue ich mir das an?“, ist aber der Entzug leicht zu überwinden, indem man regelrecht abhaut. Raus aus der Situation, raus aus der Wohnung, rein in die frische Luft. Es ist so einfach. Oder ein Glas Wasser trinken, heutzutage gerne noch ein Nikotinkaugummi einwerfen. Uns werden alle Möglichkeiten des recht erträglichen Entzugs geboten, leichter als heute war es noch nie bisher. Die Grundstimmung als Raucher ist negativer. Als Nichtraucher ist man ruhiger, auch nervlich belastbarer. Logisch, Blutdruck und Herzschlag reduzieren sich von Tag zu Tag, somit auch die Erregbarkeit des vegetativen Nervensystems. Alles, was als nervlich belastend erscheint, ist nichts anderes als der körperliche Entzug, und der dauert, wie erwähnt, nur Minuten an. Also Augen zu und durch. Es ist zu schaffen.

Also will ich es wagen? Ich bin unsicher und zu oft hatte ich meine Rückfälle. Der Wille fehlte. Vielleicht ab heute? Bis jetzt habe ich heute noch keine Zigarette geraucht. Ich versuche es. Vielleicht hilft es mir, in Zeiten des Entzugs nicht nur das Buch von Allen Carr zur Hand zu nehmen (und über Nikotinkaugummis verfüge ich zur Genüge), sondern auch, hier meine eigenen Worte zu lesen, um zu erkennen, wie dumm ich bin, oder besser ausgedrückt, wie klug und sinnvoll es ist, mit dem Rauchen aufzuhören. Deswegen habe ich das alles einmal aufgeschrieben. Und es gibt noch mehr, das es zu schreiben gäbe, wie auch Fotos, die zu betrachten sind, wenn der Wille ins Wanken kommt: Diese grauenhaften Teerlungen, Löcher im Hals bei Kehlkopfkrebs, amputierten Raucherbeine, und so weiter, überall im Netz zu finden. Einfach mal angucken, immer und immer wieder…, so meine Empfehlung auch an mich selbst.